Donnerstag, 1. Mai 2014

Wie junge Kinder lernen – Faszination und Herausforderung für Eltern

Im Alter von knapp zwei Jahren entdeckte unser Sohn auf der Terrasse im Urlaub in Südfrankreich eine Ameise. Er betonte das Wort auf der zweiten Silbe A-´mei-se. Und er betrachtete dieses Geschöpf ausführlich: am ersten Tag eine Stunde und an jedem weiteren dann „nur“ noch eine halbe Stunde. Aber auch jede andere Ameise, die unseren Weg im Urlaub kreuzte, wurde ausführlich begutachtet. Nach dem Urlaub war dann die Ameisenzeit vorbei.

Kinder lernen anders als die meisten Erwachsenen. Sie interessieren sich plötzlich für eine bestimmte Sache und beschäftigen sich dann sehr intensiv damit. Oft verschwindet dieses Interesse dann genauso plötzlich. Die Hirnforschung nennt diese Phasen „Sensible Perioden“ oder „Sensible Phasen“. Das bedeutet, dass Kinder in den „sensiblen Phasen“ bestimmte Fähigkeiten sehr leicht lernen.
Die Erfahrungen, die die Kinder dabei machen, haben Einfluss auf die Struktur des Gehirns. Die Qualität und Menge der Informationen, die das Gehirn in den sensiblen Phasen, aufnimmt, entscheiden über die Architektur des Gehirns, d.h. wie dicht und damit wie leistungsfähig die Nervenzellen miteinander vernetzt werden.

Heute wissen wir, dass die Jahre bis zum Schulbeginn zu den wichtigsten Lernphasen gehören. Es stellt sich also die Frage, wie sich die „sensiblen Phasen“ optimal nutzen lassen. Denn wenn die Verschaltung der Nervenzellen nicht zum richtigen Zeitpunkt erfolgt, lässt sich das nicht mehr nachholen. Diese Erkenntnis führt in einigen Familien dazu, dass die Kinder einen Terminkalender wie ein Manager haben. In unterschiedlichsten Kursen erhalten sie vielfältige Anregungen. Diesen Kinder fehlt eigentlich nur eines: Zeit zum selbst bestimmten Spielen.

Prof. Singer, Direktor des Max-Planck-Instituts für Hirnforschung in Frankfurt am Main, sagt dazu sinngemäß (Singer 2001):
Die zeitlich aufeinander folgenden sensiblen Phasen bilden die verschiedenen Hirnfunktionen aus. Deshalb ist es wichtig, dass das Richtige zur richtigen Zeit für das Kind verfügbar sein muss. Es ist dabei aber nutzlos und womöglich sogar schädlich, dem Kind Inhalte anzubieten, die es noch nicht verarbeitet kann. Bislang wissen wir nur wenig darüber, wann das Gehirn welche Informationen braucht. Das Gehirn übernimmt bei seiner Entwicklung allerdings selbst die Regie und sucht sich die benötigten Informationen selbst. Deshalb sollten wir sorgfältig beobachten, wonach das Kind fragt, wofür es sich interessiert und wodurch es glücklich scheint. (Singer 2001)

Das bedeutet im Familienalltag: darauf achten, wofür sich das Kind interessiert, und dann dem Kind die Zeit und die Gelegenheiten geben, diesem Interesse nachzugehen.
Durch meine eigenen Kinder weiß ich, wie schwierig dies in der Praxis ist.
Die Erkundung der Umwelt durch die Kinder stößt bei Eltern nicht immer auf Gegenliebe. Wenn die Kinder verschiedene Gegenstände im Waschbecken schwimmen lassen, sehen wir als Eltern häufig nur die Überschwemmung und nicht die naturwissenschaftlichen Versuche der Kinder.

Aus der eigenen Erfahrung mit meinen Kindern hat mich die Frage, was Kinder wirklich brauchen, und wie Eltern diese Bedürfnisse erkennen und erfüllen können, ohne ihre eigenen Bedürfnisse zu vernachlässigen, häufig beschäftigt. Eines Tages erzählte mir eine Mutter in der von mir geleiteten Spielgruppe „Friedliche Kinder – zufriedene Eltern“ von ihrem zweieinhalbjährigen Sohn, der täglich seinen „Naturforschungen“ am Waschbecken nachging und dabei immer das Badezimmer unter Wasser setzte. Es kam zum täglichen Machtkampf zwischen Mutter und Sohn. Sie bestand auf dem Abstellen des Wasserhahnes, er probierte es immer wieder. Und er schaffte es immer genau dann, sich selbst und seine ganze Umgebung unter Wasser zu setzen, wenn seine Mutter dringend mit ihm weg musste.
Ich hatte mit meinem Sohn ähnliche Erfahrungen gemacht. Ich schlug also vor, ihrem Sohn dann, wenn es ihr passe, zu erlauben, seinen Entdeckungen nachzugehen und schon gleich den Lappen zum Aufwischen bereit zu legen. Am Ende der Veranstaltung könnten sie dann beide gemeinsam aufräumen.
Die Mutter war zunächst skeptisch. Eine Woche später erzählte sie, dass sie gleich am nächsten Nachmittag mit ihrem Sohn einen „Badenachmittag“ am Waschbecken eingelegt  hätte. Er hätte zunächst ein wenig ungläubig geguckt, dass er tatsächlich am Waschbecken spielen dürfe. Dann hätte er zunächst ziemlich wild, dann immer vorsichtiger zu spielen begonnen. Die ganze Zeit hätte er über das ganze Gesicht gestrahlt. Sie hätten gemeinsam sauber gemacht, er hätte kräftig mitgeholfen. Ein halbes Jahr später fragte ich die Mutter in der Spielgruppe erneut nach den Wasserexperimenten ihres Sohnes. Der Machtkampf hätte aufgehört. Er hätte immer noch viel Spaß und Interesse an seinen Erkundungen, die sie ihm ermöglichte, wenn immer es ihr möglich war. Falls es aber doch mal nicht passe, akzeptiere er das. 

Kinder lernen anders als die meisten Erwachsenen.
Lernen wir mit ihnen zu staunen, uns von ihren Entdeckungen anstecken zu lassen und geben wir ihnen die Zeit und den Raum, diesem Lernen auf ihre eigene Art nachzugehen.

Literatur: 
Singer, W. (2001). Was kann ein Mensch wann lernen?. Verfügbar unter http://www.brain.mpg.de/fileadmin/user_upload/images/Research/Emeriti/Singer/mckinsey.pdf [1.5.2014]